Presseinformation
Presseinformation Nr. 014 vom 03. Februar 2010
Professor Dr. Friedrich Specht verstorben
Beharrlicher Streiter für eine eigenständige Kinder- und Jugendpsychiatrie und für die Belange psychisch kranker Kinder und Jugendlicher: Ehemaliger Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie starb im Alter von 85 Jahren.

(umg) Universitätsprofessor Dr. med. Friedrich Specht, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, für Kinderheilkunde und für Neurologie und Psychiatrie sowie erster und langjähriger Direktor der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Göttingen, ist am Mittwoch, 27. Januar 2010 im Alter von 85 Jahren gestorben.
Professor Specht hat die im Jahr 1970 neu eingerichtete Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Göttingen von Anfang an bis 1994 geleitet und aufgebaut. Er zählt zu den Medizinern, die die Kinder- und Jugendpsychiatrie nach dem Zweiten Weltkrieg als eigenständiges Fachgebiet in der Bundesrepublik aufgebaut haben. Für seine Verdienste um die Versorgung psychisch kranker und behinderter Kinder und Jugendlicher sowie für seinen herausragenden Einsatz in der Sozialtherapie erhielt Professor Specht 1985 das Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland. Die Universitätsmedizin und die Medizinische Fakultät der Universität Göttingen trauern um einen großen Arzt, Wissenschaftler und Lehrer.
Friedrich Specht wurde am 3. Dezember 1924 in Emden geboren. Noch während der Wehrdienstzeit kann er die ersten vorklinischen Semester Medizin in Berlin, Freiburg und Prag studieren. Nach der Entlassung aus amerikanischer Gefangenschaft setzt er das Medizinstudium in Göttingen fort. 1949 erhält er die Approbation zum Arzt, ein Jahr später wird er promoviert. Von 1950 an wirkt und arbeitet Friedrich Specht in und von Göttingen aus. Bereits als Pflicht- und dann als Gastassistent an der damaligen Universitäts-Nervenklinik Göttingen in der Geiststraße unternimmt er erste Schritte, um eine psychiatrische Versorgung für Kinder und Jugendliche aufzubauen. Von 1952 bis April 1955 arbeitet Specht als Assistent an der Kinderabteilung des Allgemeinen Krankenhauses in Celle. Zurück in Göttingen setzt er seine Tätigkeit an den Nervenkliniken der Universität zunächst als wissenschaftlicher Assistent fort.
Mit dem Umzug in die von-Siebold-Straße wird dort 1955 die erste Station für die psychiatrische Behandlung von Kindern und Jugendlichen eingerichtet, die Friedrich Specht konzipiert und geleitet hat. 1958 erlangt er die Facharztanerkennung für Nerven- und Geisteskrankheiten, zwei Jahre darauf (1960) die für Kinderkrankheiten. 1965 absolviert er die Habilitation und erlangt die Lehrbefugnis für Kinder- und Jugendpsychiatrie.
1970 nimmt Friedrich Specht den Ruf auf die neu eingerichtete Professur mit Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Göttingen an und leitet die Abteilung 24 Jahre lang. Professor Specht baut sie weiter auf. 1990 arbeiten hier über 60 Mitarbeiter. Die ambulante Betreuung von Patienten hat dabei Vorrang. 18 Betten stehen für die stationäre Versorgung zur Verfügung. Das Konzept für die Behandlung berücksichtigt das Zusammenwirken von biologischen, innerpsychischen und sozialen Faktoren. 1971 kann die Abteilung das ambulante Angebot um eine schwellenarme Einrichtung erweitern: die Kontakt- und Beratungsstelle für Jugendliche in der Goßlerstraße wird eröffnet und lange Zeit als Modellvorhaben "Dissozialität-Drogenabhängigkeit Jugendlicher" geführt.
Im Bereich der Forschung legt Professor Friedrich Specht Schwerpunkte auf die Felder "Sonderpädagogik bei Behinderten", "Erziehungsberatung", "Jugendkriminalität und Jugendverwahrlosung" sowie "Versorgungsforschung". Als multidisziplinäres Fach steht Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kontakt mit Kriminologie, klinischer Psychologie und Pädagogik. Professor Specht hat deshalb seine Tätigkeit als Hochschullehrer über die Medizin hinaus auch auf diese Fachgebiete ausgeweitet. Als Fachberater für das Justizministerium begleitet Professor Specht den Modellversuch einer sozialtherapeutischen Anstalt in der Justizvollzugsanstalt Bad Gandersheim seit ihrer Einrichtung 1973 bis 2003. 18 Jahre lang gehört er dem Vorstand der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung an. Als Mitglied der Sachverständigenkommission Psychiatrie-Enquete (1971 bis 1975) trägt er entscheidend zur Entwicklung einer modernen und menschenwürdigen Kinder- und Jugendpsychiatrie bei.
Kinder und Jugendliche stärken, schützen und stützen - das war für Professor Friedrich Specht die Kernaufgabe der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Kinder sollten lernen können, zu selbst bestimmten Persönlichkeiten zu werden, und dass sie auf ihre eigene Lage positiven Einfluss nehmen können. Dafür hat Professor Specht geeignete Hilfen gegeben und vermittelt. Nicht zuletzt deshalb ließ er keine Gelegenheit ungenutzt, sich für eine starke Kinder- und Jugendpsychiatrie und für eine angemessene Versorgung einzusetzen und um Unterstützung aus Politik, Jugendhilfe, Schule und Justiz zu werben.
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